HOCHSENSIBILITÄT UND TRAUMA

Wie kann Hochsensibilität und Trauma unterschieden werden?

Trauma stammt vom griechischen Wort für “Wunde”, das in der Medizin „unsichtbare“ Verletzungen bezeichnet, die durch äußere Gewalteinwirkungen entstanden sind. Ende des 19. Jahrhunderts fand man heraus, dass bestimmte Ereignisse in vergleichbarer Weise seelische Wunden hinterlassen können und so übernahm man diesen Begriff auch in der Psychologie.

Hochsensibilität ist ein Geschenk, welches zur Verarbeitung von Trauma – zum Heilen der Wunde – genutzt werden kann. Die Voraussetzung dafür ist jedoch ein bewusster Umgang mit der eigenen Hochsensibilität, fehlt dieses Bewusstsein, kann die Hochsensibilität ein Trauma sogar noch verstärken. Andersherum kann ein Trauma aber auch Hochsensibilität begünstigen; tatsächlich sind die Grenzen zwischen beiden Phänomenen fließend und lassen sich nicht klar zeichnen. Umso wichtiger ist daher das Wissen um die Unterschiede, aber vor allem auch um die Gemeinsamkeiten von Hochsensibilität und Trauma.

Viele Symptome für Hochsensibilität sind ähnlich, manchmal sogar gleich - z. B. eine erhöhte Wachsamkeit, die Überempfindlichkeit auf äußere Einflüsse, Abgrenzungsprobleme oder die Tendenz, sich immer wieder zurückzuziehen, da man sich dem überwältigenden Sog der Überreizung hilflos ausgeliefert fühlt. Hinzu kommt häufig eine komplexe Innenwelt, ein ganzheitliches Wahrnehmen weit über die eigenen Grenzen hinaus und das weit verbreitete Gefühl, “nicht richtig zu sein”.
Aus Sicht der Trauma-Wissenschaftler lassen sich derlei Symptome auf die durch ein traumatisches Erlebnis abgespaltenen Anteile des Selbst zurückführen, welche es (wieder) zu integrieren gilt. Forscher im Bereich der Hochsensibilität beziehen jedoch auch die Möglichkeit ein, dass sich in den verschiedenen Verhaltens- und Empfindungsmustern eines hochsensiblen Menschen ein bereits integriertes Trauma zeigt.
Dr. Elaine Aron wiederum hat mit ihren Studien dargelegt, dass es sich bei Hochsensibilität um ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal handelt, dass nichts, zumindest nicht zwangsläufig, mit einem Trauma zu tun haben muss. Allerdings lassen ihre Forschungen offen, ob neben dem sogenannten “Schocktrauma”, das in Folge eines schwerwiegenden Ereignisses eintritt, auch Entwicklungstraumata, die in der frühkindlichen oder gar vorgeburtlichen Eltern-Kind-Bindung angesiedelt sind, oder generationsübergreifende Traumata, wie etwa die Erfahrung eines Krieges, berücksichtigt worden sind.

Hochsensibilität: Angeboren oder durch ein Trauma ausgelöst?

Trauma ist ein “großes Wort”, dabei können es auch - vermeintlich - kleine Erfahrungen im Leben eines Menschen sein, die ein Trauma ausgelöst haben. Viele hochsensible Menschen, die sich noch nicht bewusst als hochsensibel erleben, suchen häufig lange nach dem einen traumatischen Erlebnis in ihrem Leben, dass sie “so gemacht hat, wie sie sind.”
Dieses Erlebnis muss es aber nicht gegeben haben, vielleicht liegt es auch so weit zurück, dass wir uns nicht mehr bewusst daran erinnern können. Vielleicht ist es uns nicht selbst, sondern einem Angehörigen widerfahren, vielleicht - wenn uns unsere persönliche Spiritualität diese Vorstellung erlaubt - ist es sogar ein Erlebnis aus einem vorherigen Leben, welches als Erinnerung in unseren Emotionen abgelegt ist.
Wir können uns also nicht immer sicher sein, wenn es um den Ursprung unserer Hochsensibilität geht - ist sie nun angeboren, oder wurde sie durch ein Trauma ausgelöst? Festzustehen scheint in jedem Fall, dass Hochsensible eher zur Traumatisierung neigen als andere Menschen. Ein erfahrener und feinfühliger Begleiter wird den Fokus jedoch weniger stark auf die mögliche Ursache legen, sondern zwischen den Symptomen unterscheiden. Denn bei allen Gemeinsamkeiten gibt es natürlich Unterschiede: Flashbacks, Angststörungen, starkes dissoziatives Verhalten oder selbstzerstörerische Tendenzen sind nur einige Trauma - Merkmale, die in keinem direkten Zusammenhang zur Hochsensibilität stehen. Hier darf und muss klar zwischen Gesundheit und Pathologie getrennt werden.

Das Geschenk in Hochsensibilität und Trauma

Jutta Böttcher hat in der Begleitung hochsensibler Menschen die Erfahrung gemacht, dass diese durch unterstützende Elemente und Werkzeuge aus der körperorientierten Trauma-Arbeit stark profitieren, und dass im Verlauf der Begleitung sowohl Widerstandskraft als auch Flexibilität gewachsen sind. Sichtbar wurde dies vor allem bei Mischformen frühkindlicher Traumatisierung (Entwicklungs- und Bindungstrauma) und Hochsensibilität.

Im nonverbalen Raum der “Empfindungen” wird diagnostisch nicht unterschieden: Ob Trauma, Hochsensibilität, oder beides - es geht um die Präsenz des direkten Kontaktes. Ihre besondere Feinfühligkeit hilft Betroffenen und Begleiter, gemeinsam durch die verschiedenen Wahrnehmungsebenen zu reisen, auf diesem Weg immer wieder Treffpunkte zu finden und Kohärenz zu schaffen: Anteile, die in der Vergangenheit unbewusst ausgegrenzt worden sind, werden eingeladen, sich wieder in ein ganzheitliches und authentisches Erleben zu integrieren.
Dabei lernt der Hochsensible, die nonverbale Sprache seines Körpers zu lesen wie einen Kompass, der ihm Orientierung und Sicherheit auf seinem Weg geben kann. In behutsamen kleinen Schritten wird es möglich, in eine größere Distanz zu der Kraft des “Überwältigungs-oder Trauma-Sogs” zu treten, um so langsam und allmählich Souveränität über die eigenen Wahrnehmungsräume zu erlangen. Eine erneute Verbindung zu sich selbst und Selbstregulation werden möglich. Die Erforschung und Übersetzung der feinen Sprache des Körpers, der in leisen Gesten und Bewegungen kommuniziert, ist dabei häufig wie der Schlüssel zu einer verschütteten Schatztruhe: Der Hochsensible kommt seinen tiefliegenden Ressourcen auf die Spur, und aus einer vermeintlichen Last wird eine Gabe – vielleicht sogar ein Geschenk, in dem auch die Heilung eines Traumas, einer Wunde, stecken kann.

Trauma und Hochsensibilität bei Aurum Cordis

Gemeinsam mit der Trauma-Expertin Andrea Wandel veranstalten wir regelmäßig Seminare zum Thema, darüber hinaus bieten wir die berufsbegleitende Weiterbildung in der “Körperorientierten Trauma-Arbeit” an. Sie ist aufgeteilt in fünf dreitägige Wochenendmodule und richtet sich an interessierte begleitend tätige Menschen aus dem therapeutischen, pädagogischen oder medizinischem Bereich. In unregelmäßigen Abständen können außerdem Einzel-Sitzungen bei Andrea Wandel gebucht werden.


Für weitere Informationen rund um das Thema Hochsensibilität rufen Sie uns gerne unter 04161 - 714 712 an oder schreiben Sie uns unter info@aurum-cordis.de.

Autor: Sabrina Görlitz und Jutta Böttcher © 2017

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