HOCHSENSIBILITÄT UND BEWUSSTSEIN

Hochsensibilität und Bewusstseinsentwicklung

In der jüngsten Vergangenheit ist ein regelrechter „Hype” um Hochsensibilität entfacht, der vielen ihrer Kritiker geradezu in die Hände spielt. Für die einen ist Hochsensibilität nicht mehr als eine „Modeerscheinigung”, ähnlich einem „Zug, auf den alle aufspringen”. Die Vorurteile sind enorm, insbesondere da Hochsensibilität von einem ausschließlich wissenschaftlichen Standpunkt aus noch nicht einwandfrei bewiesen werden kann.

Im Kontext der Spiral Dynamics, einem auf breiter empirischer Basis gewonnenen Modell zur menschlichen Bewusstseinsentwicklung, wird auf faszinierende Weise deutlich, warum Hochsensibilität einerseits tatsächlich ein Trend ist (allerdings weit über einen Modetrend hinaus), und warum sich andererseits viele Menschen noch schwer damit tun, Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal anzuerkennen.

Das Wissen um die unterschiedlichen Ebenen der Bewusstseinsentwicklung und ihrer Bezüge zueinander führt in der Arbeit mit unseren Klienten immer wieder zu einem „Heureka-Effekt”: Das Einbeziehen dieser „Bewusstseins-Landkarten” in Coaching- und Beratungsprozesse erlaubt eine schlüssige gegenwärtige Standortbestimmung und erleichtert die Navigation in die Zukunft. Persönliche und kollektive Entwicklungszustände werden erkannt, verstanden und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet.

Wir sind in der Lage, unsere Umwelt durch neue konzeptionelle Modelle so zu gestalten, dass alle neue entstandenen Probleme bewältigt werden können

Ein Modell zur Bewusstseinsentwicklung, welches sowohl die Entwicklung des Einzelnen als auch der Menschheit beschreibt, wurde erstmals von Clare Graves entworfen und später von ihren Schülern Don Beck und Christopher Cowan weiterentwickelt, die es 1996 in ihrem gleichnamigen Buch als „Spiral Dynamics” vorstellten. Später nahm auch der bekannte Bewusstseinsforscher Ken Wilber die Spiral Dynamics in sein Werk auf und erweiterte ihren Gesamtzusammenhang um einige Aspekte.

Es handelt sich dabei um eine spiralige Darstellung der stufenweisen Entwicklung der Denk- und Bewusstseinsstrukturen der Menschen, die auf einem analogen Weltbild beruht. Demnach sind mit jeder Bewusstseinsstufe oder - ebene eine sich stetig erweiternde Zahl von Entsprechungen verbunden. Diese beziehen sich auf Lebenseinstellungen, Werteverständnis und Grundüberzeugungen, die sich wiederum auf Sprache, Kunst, Architektur, Erziehung, Führungsverhalten usw. niederschlagen.
Die Grundaussage der Spiral Dynamics ist, dass die Menschheit in der Lage ist, ihre Umwelt durch neue konzeptionelle Modelle so zu gestalten, dass alle (!) neu entstandenen Probleme bewältigt werden können. Die spiralförmige Darstellung verdeutlicht, dass die Stufen sich nicht abwechseln, sondern sich überlagern und gegenseitig umfassen, und der weitere Verlauf nach oben hin offen bleibt: Individuen als auch Gruppen entwickeln sich in ihren Wertvorstellungen kontinuierlich weiter. In jeder neuen Phase erreichen sie ein tieferes Verständnis für sich selbst und später auch für die eigene Umwelt.


Spiral Dynamics und Hochsensibilität

Blicken wir auf die aktuelle Situation unserer Welt, stehen sich insbesondere drei Wertvorstellungen resultierend aus drei verschiedenen Bewusstseinsebenen gegenüber:
Der konservative, auf klaren Regeln und klassischen Hierarchien beruhende Ansatz ist zwar der älteste von diesen dreien, aber vor allem in einigen Teilen der Arbeitswelt noch sehr präsent. In der Mitte finden wir eine sehr rationale, stark auf Wissenschaft und Leistung ausgerichtete Haltung, die in den vergangenen Jahrzehnten allmählich durch eine Haltung abgelöst wird, die den Fokus auf Verbindung, Gleichberechtigung und Fürsorge setzt. Wie es das Bild einer Spirale suggeriert, findet dieser „Ablöseprozess” aber eben nicht linear statt, sondern beginnt mit einer Durchmischung des Vorhandenen mit neu auftauchenden Bewusstseinsstufen. Und so steht auch schon eine weitere Strömung längst in den Startlöchern um sich auf den Weg zu machen, die derzeitig scheinbar widersprüchlichen Haltungen in einem integralen und flexiblen Lebenskonzept zusammen zu fassen, in der Wissen und Kompetenz an die Stelle von Macht, Status oder ausschließlicher Gruppensensitivität tritt. Es zeichnet sich also in der Tat ein „Trend” ab. Doch was hat Hochsensibilität damit zu tun?


Der Bewusstseinsfundus vieler hochsensibler Menschen beinhaltet die Lösungswege, die auf den Weg in die nächste Bewusstseinsstufe beschritten werden müssen

Bei Aurum Cordis haben wir in den vergangenen Jahren beobachtet, dass wir einen großen Teil der hochsensiblen Menschen, die wir in ihrer persönlichen (Bewusstseins)-entwicklung begleiten, in der Beschreibung dieser integralen Bewusstseinsströmung wiederfinden – u.a. durch ihre stark vernetzte Wahrnehmung und die damit verbundene Fähigkeit, aus einer Metaebene auf Geschehnisse und Situationen zu blicken. Gleichzeitig sind sie sowohl durch frühere Erfahrungen aus anderen Stufen als auch durch ihr gegenwärtiges Umfeld gehemmt und unsicher, ihre Potenziale und den darin verborgenen Reichtum zu leben. Im Sinne der Spiral Dynamics beinhaltet der „Bewusstseinsfundus” vieler hochsensibler Menschen nämlich genau die Ideen und Lösungswege, die beschritten werden müssen, um die Gesellschaft buchstäblich auf das nächste Level, sprich die nächste Bewusstseinsebene zu heben.

Menschen, deren gegenwärtiges Bewusstsein vor allem in Rationalität und wissenschaftlicher Beweisbarkeit verweilt, können sich mit den nicht-linearen Voraussetzungen der integralen Bewusstseinsstufe (noch) nicht so richtig anfreunden, und hegen somit naturgemäß ihre Vorurteile gegen Hochsensibilität. Andererseits gibt es aber auch unter den Hochsensiblen viele, denen die Gruppenidentifikation mit anderen Hochsensiblen und der homogene Austausch momentan noch vorrangig sind. Unter dem Gesichtspunkt der Spiral Dynamics lassen sich die verschiedenen Standpunkte erklären; dabei geht es nicht um ein „so ist es besser” oder „schlechter”, sondern um eine Vergegenwärtigung der kontinuierlichen Dynamik der menschlichen Bewusstseinsentwicklung.


Tiefe Erkenntnisse stellen sich ein, wenn wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, aus welcher Ebene heraus wir handeln

In der Begleitung hochsensibler Menschen stellen wir immer wieder fest, dass ihnen die Einordnung ihres persönlichen „So seins” in einen größeren Gesamtzusammenhang wie die Spiral Dynamics hilft, sich in innerhalb ihrer umfassenden Wahrnehmung zu orientieren. Es ist durchaus möglich, verschiedene Themen und Situationen auch aus unterschiedlichen Bewusstseinsebenen zu betrachten; viele Hochsensible erleben diesen Umstand zunächst als diffuse Diskrepanz. Durch die spiralige Betrachtung stellt es jedoch keinen Widerspruch da, z.B. eine Situation an einem Arbeitsplatz aus einem anderen Bewusstsein heraus zu beurteilen als etwa ein familiäres Ereignis.
Aha-Effekte verbunden mit tiefen Erkenntnissen stellen sich ein, wenn wir im wahrsten Sinne des Wortes ein Bewusstsein dafür entwickeln, aus welcher Ebene heraus wir gerade handeln. Erst dann entsteht neuer Handlungs-und Entscheidungsspielraum. Darüber hinaus entwickelt sich auch ein Gespür für die Motive der Mitmenschen, und damit einhergehend ein tieferes Verständnis für das gesellschaftliche Miteinander und seine Fallstricke – zum Beispiel, wenn es darum geht, ob Hochsensibilität nun trotz noch ausstehender wissenschaftlicher Beweisbarkeit mehr ist als nur ein Modetrend.

Im Kompetenzzentrum für Hochsensibilität & Bewusstsein verstehen wir Hochsensibilität als ein Phänomen, das u.a. den Übergang in ein integrales Bewusstsein beschreibt. Die Entdeckung und Förderung dieses integralen Bewusstseins bildet den Rahmen für unser vielfältiges Angebot. Wir sind davon überzeugt, dass in einer integralen Betrachtung der modernen Welt der Schlüssel für die Lösung der unterschiedlichsten Problem- und Fragestellungen unserer Zeit liegt. Nicht nur für hochsensible Menschen ist sie eine wesentliche Voraussetzung für das Erlangen und den Erhalt von Gesundheit, einer sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit und einem tieferen Verständnis für die Dynamiken innerhalb der Familie. Unsere Weiterbildung zum Integralen Gesundheitscoach baut auf dieser Erkenntnis auf.


Autor: Jutta Böttcher © 2017