FORSCHUNGSSTAND HOCHSENSIBILITÄT

Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Thema Hochsensibilität

Vorab ein paar Gedanken zur Rolle der Wissenschaft im menschlichen Erfahrungsraum. Wissenschaftliches Faktenwissen ist gut und hilfreich zur Orientierung, bleibt aber immer eine Momentaufnahme der Phänomene, die sich dem forschenden Geist zu einer Zeit gerade messbar gezeigt haben. Das Gemessene erscheint klar und verlässlich, ist jedoch bei genauerem Hinschauen immer in Bewegung, es gibt immer Aspekte, die wir noch nicht bedacht haben. Je tiefer der Wissenschaftler in diese Erkenntnisbewegung eintaucht, desto größer wird oft seine Demut vor dem was vielleicht immer verborgen bleiben wird oder sich nur auf nicht messbarer Ebene andeutet.
In diesem Sinne ist hier eine jederzeit erweiterbare Momentaufnahme aus der Hochsensibilitätsforschung:

Die nordamerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron begann, aufgrund eigener Erfahrungen, das Thema “Hochsensibilität” wissenschaftlich zu erforschen. Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts prägte sie die Begriffe “Highly Sensitive Person (HSP)” und “High Sensory-Processing-Sensitivity (HSPS)”. SPS lässt sich im Deutschen mit “Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse” übersetzen und deutet schon an, dass das Merkmal mit einer bestimmten Form von Reizverarbeitung im Gehirn einher geht, die in ihrer Besonderheit auch zunehmend Gegenstand neuropsychologischer Forschungen ist.

Elaine Aron befasst sich auch heute noch intensiv mit der Erforschung des Phänomens und arbeitet mit einer Reihe von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammen (Evolutions- und Entwicklungsbiologie, Primatenforschung, Entwicklungspsychologie, Genetik und Neurowissenschaften). Diese Kollegen sind auf anderen Wegen zu ähnlichen Beobachtungen wie Elaine Aron gelangt. Dabei entstanden verwandte Begriffe zu “High Sensory-Processing-Sensitivity”, die zugleich auch spannende Aspekte des Phänomens “Hochsensibilität” beschreiben, und es ermöglichen, vorsichtig nach Erklärungsansätzen für Entstehung und Ausprägung dieses Persönlichkeitsmerkmals zu schauen (dazu mehr weiter unten).

Mensch und Tier: mindestens 15 – 20% sind hochsensibel

Gleich zu Beginn ihrer Forschungsarbeiten beobachtete Dr. Aron, dass ein stabiler Anteil von 15 – 20% der Bevölkerung (USA) als hochsensibel bezeichnet werden kann. Im Lauf der Jahre wurde diese Beobachtung von anderen Forschern bestätigt, wobei sich zeigte, dass das Merkmal nicht auf den Menschen oder etwa auf die nordamerikanische Gesellschaft beschränkt ist. Vielmehr findet man es auch auf anderen Kontinenten und in über 100 Tierarten (ebenfalls ca. 20% HS).
Unter den hochsensiblen Individuen kann es dabei durchaus Abstufungen in der Stärke der Merkmalsausprägung geben, die Elaine Aron durch einen von ihr entwickelten Fragebogen erfasste und dessen Ergebnisse in der sogenannten HSP-Skala eingeordnet werden können. Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die auf dieser Skala hohe SPS-Werte (High-SPS) erreichen, bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen, die Elaine Aron als Indikatoren für die Ausprägung von High Sensitivity versteht.

Die Indikatoren von High Sensitivity: DOES

Sie fasste diese Indikatoren unter dem Akronym DOES zusammen.

Im Einzelnen bedeutet das:
D - Depth of Processing, im Deutschen als Verarbeitungstiefe von Informationen zu verstehen.
O - Easily Overstimulated. Aufgrund der vorhandenen Verarbeitungstiefe ist die persönliche Reizschwelle schneller erreicht.
E - Emotional Reactivity and High Empathy. Emotionale Berührbarkeit, die sich speziell in der Ansprechbarkeit auf negative Reize verstärkt.
S - Sensitivity to Subtle Stimuli. Wahrnehmung auch für subtile Reize, Bewusstsein und Wahrnehmung von Feinheiten.

Anhand der entwickelten Indikatoren lässt sich die zusammenfassende Aussage treffen, dass “High Sensory-Processing-Sensitivity” durch soziale, emotionale und physische Sensitivität charakterisiert wird und als eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal zu sehen ist. Menschen, die hohe SPS-Werte aufweisen, werden als hochsensible Menschen (HSPs = High Sensitive Persons oder hochsensible Personen) beschrieben.

Die Pionierleistung von Dr. Elaine Aron

In dem Nachweis, dass die so beschriebene Hochsensibilität als ein eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal zu betrachten ist, liegt die Pionierleistung und das große Verdienst von Dr. Elaine Aron. Sie hat damit Grundlage für weitere Forschungen geschaffen, die detaillierter überprüfen, welche Auswirkungen das Vorhandensein dieses Persönlichkeitsmerkmals auf die Persönlichkeitsentwicklung des jeweiligen Menschen hat.
High Sensory-Processing-Sensitivity (HSPS) ist der wissenschaftliche Oberbegriff, unter den sich zahlreiche deutsche Begriffe wie Hochsensitivität, Hochsensibilität, Hypersensibilität, Reizoffenheit, Feinfühligkeit oder Empfindsamkeit, die in der populärwissenschaftlichen Literatur zum Thema Hochsensibilität verwendet werden, subsumieren lassen.

Erweiterung der Betrachtungsweise von Elaine Aron

Während Elaine Aron hinter den unterschiedlichen Erscheinungsformen von Hochsensibilität, insbesondere der höheren Erregbarkeit und der verstärkten Wahrnehmung für subtile Reize, einen einzigen ausschlaggebenden Faktor vermutete, erwiesen sich die Erklärungsmodelle, die mehrere ausschlaggebende Faktoren in Betracht zogen, als aussagekräftiger. Dafür ist insbesondere die Studie von Smolewska, McCabe und Woody (2006) zu nennen und – ganz aktuell – die Überarbeitung und Ausdifferenzierung der HSP-Skala für den deutschen Sprachraum durch Sandra Konrad und Phillip Herzberg (2017).
Konrad & Herzberg konnten drei Faktoren identifizieren, durch die das Merkmal “Hochsensibilität” beschrieben werden kann: “Leichte Erregbarkeit (Ease of Excitation)”, “Ästhetische Empfindsamkeit (Aesthetic Sensitivity)” und “Niedrige sensorische Wahrnehmungsschwelle (Low Sensory Threshold)”.

For better and for worse…

Eines ist jedoch den vielfältigen Erscheinungsformen der Hochsensibilität gemeinsam: Träger dieses Persönlichkeitsmerkmals zu sein, bedeutet nicht, “krank” zu sein!

Entwicklungsbiologen und -psychologen untersuchen das Zusammenspiel von Genen eines Individuums und den äußeren Bedingungen, unter denen der- oder diejenige aufwächst. Dabei haben mehrere Forschungsgruppen festgestellt, dass die Entwicklung hochsensibler Menschen sehr viel stärker von Umweltfaktoren (negativ und positiv) wie Erziehung, Familiensituation, soziales Umfeld etc. beeinflusst wird, als die Entwicklung normal-sensibler Menschen. Unter schwierigen, nicht förderlichen Bedingungen haben Hochsensible ein überproportional hohes Risiko, zu erkranken (Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen, Depressionen, Dauerstress-Erkrankungen etc.), während sie sich unter guten, nährenden Bedingungen überproportional gut entwickeln. Dieses “For-better-and-for-worse” – Prinzip der Hochsensibilität kann als Anpassungsstrategie an die äußeren Gegebenheiten verstanden werden. Entsprechend der Beobachtungen, die sie gemacht haben, nannten die Wissenschaftler das Phänomen “differential susceptibility”, “sensitivity to environment” oder “biological sensitivity to context”. Es bildet sich dabei die sehr individuelle Biologie von Wahrnehmung und Reaktivität eines Individuums heraus, welche wiederum durch die Interaktion mit den äußeren Bedingungen die Ausprägung von Persönlichkeit und von individueller Gesundheit beeinflusst.
Besonders interessant ist die Beobachtung von Michael Pluess und Kollegen, dass Hochsensible besonders gut auf psychosoziale Interventionen anzusprechen scheinen. Pluess nennt dieses Phänomen “Vantage Sensitivity”.

In den Untersuchungen zum Zusammenspiel von Genen und Umwelt konnten verschiedene Gruppen zeigen, dass Mutationen in Genen bestimmter Neurotransmittersysteme ( u.a. Dopamin, Serotonin, Oxytocin, GABA) mit Hochsensibilität korreliert sind, sogenannte “Plastizitätsgene”. Die Forschung dazu befindet sich noch in den Anfängen und die Funktionen, welche die oben genannten Moleküle ausüben sind sehr komplex und vielschichtig, so wie auch das Bild des physiologischen Hintergrundes von Hochsensibilität immer komplexer wird.
Mit der Beobachtung, dass die Variation von Neurotransmitter-Genen mit Hochsensibilität korreliert, sind wir auch im Nervensystem angekommen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnten Bianca Acevedo (2014, 2018), Jadzia Jagiellowicz (2011) und andere zeigen, dass Hochsensibilität mit der Aktivierung bestimmter Gehirnareale einhergeht. Diese Areale stehen in Zusammenhang mit Aufmerksamkeit (awareness), Empathie, Handlungsplanung, der Integration sensorischer Information und der Verarbeitung von Information aus dem zwischenmenschlichen Kontakt (self-other processing).

Schon zu Beginn ihrer Forschungen hat Elaine Aron zeigen können, dass das Merkmal Hochsensibilität sich klar von Schüchternheit und Introversion unterscheidet (ca. 30% der Hochsensiblen sind extrovertiert!). Dennoch lassen sich Verbindungen zu einer Neigung zu Neurotizismus und eine stärkere Neigung zur Introvertiertheit dann herstellen, wenn der Proband eine schwere Kindheit durchlebt hat.
Neueste Untersuchungen von Bianca Acevedo und Elaine Aron (2018) machen deutlich, dass sich Hochsensibilität auf neurologischer Ebene klar von psychischen Störungen wie Schizophrenie, Autismus oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung unterscheidet. Ein gesunder hochsensibler Mensch nimmt zwar sehr viel wahr und dieser hohe “Input” hallt auch lange nach, anders als in den genannten pathologischen Zuständen, vermag der Hochsensible jedoch, sich zu regulieren, die Reize zu verarbeiten und zu integrieren. Hier wird deutlich, warum es für Hochsensible wichtig ist, achtsam die eigenen Kapazitäten im Blick zu behalten und sich – wenn nötig – seinen Ressourcen zuzuwenden. Eine große Menge an Reizen, die auch noch lange nachschwingt, braucht Verarbeitungszeit.

B## eobachtungen von Aurum Cordis zum Überschneidungsbereich von Hochsensibilität und Trauma.

Hier ergeben sich - nach den Beobachtungen bei Aurum Cordis - Überschneidungsbereiche zum Bereich der Frühtraumatisierungen. Diese frühe Prägung im vorsprachlichen Bereich ruft Erscheinungen hervor, die in das Erklärungsmodell der Hochsensibilität passen. In ihrem eher pathologischen Ursprung bezeichnen wir diese Erscheinungen bei Aurum Cordis als “Hypersensibilität”, ohne jedoch faktisch von anderen Themen zu sprechen als jenen, die sich ganz allgemein im Umgang mit Hochsensibilität ergeben.
Wie jegliche Form von Hochsensibilität (ob nun erworben oder ererbt) begründen sie ein Leben mit einem hoch erregbaren autonomen Nervensystem. Die Hypersensibilität nutzt die feine Wahrnehmungsfähigkeit als eine Art nervliches Frühwarnsystem, das einer unerwarteten Reaktion des Nervensystems vorbeugt. Die Bühne, auf der sich die Reaktionen des autonomen Nervensystems zeigen, ist in jedem Fall der physische Körper. Körperorientierte Traumaarbeit sowie jegliche Arbeit, die neue Ressourcen zur Steigerung von Selbstregulationsfähigkeit und Selbstwirksamkeit auffinden lässt, können dazu beitragen, die Hypersensibilität zu reduzieren und einer größeren Gelassenheit dem Leben gegenüber Raum zu geben. Dann wird in der souverän verfügbaren feinen Wahrnehmungsfähigkeit ein Geschenk aus dem Trauma sichtbar.

Die aktuellen Forschungsergebnisse sind eingebettet in ältere Erkenntnisse, die Elaine Arons Schlussfolgerungen stützen.

Interessant sind im Besonderen die Überschneidungen aus der Stress-und Resilienzforschung, die sich zum Beispiel aus den Langzeitstudien von Emmy Werner (Entwicklungspsychologin) an 698 Kindern auf einer Hawaiianischen Insel sowie den Arbeiten von Abraham Maslow, Begründer der Humanistischen Psychologie, zu den “Selbstaktualisierern” ergeben.
Ihre Aussagen zu den besonderen Eigenschaften von Menschen, die trotz hoher Stressbelastung und negativen Lebensumständen, auf ein “gelingendes Leben” blicken dürfen, weisen hohe Überschneidungen zu den Charakteristika hochsensibler Menschen auf. Diese Menschen werden als “resilient” bezeichnet. Wenn auch hochsensible Menschen eher als jene betrachtet werden, die aufgrund ihrer Reizoffenheit und Übererregbarkeit zu Dauerstress und damit zu einer immer währenden Belastungssituation neigen, zeigen diese Untersuchungen doch die zweifelsohne vorhandenen besonderen Potentiale eines Lebens mit Hochsensibilität auf.


Für weitere Informationen rund um das Thema Hochsensibilität rufen Sie uns gerne unter 04161 - 714 712 an oder schreiben Sie uns unter info@aurum-cordis.de.


Quellen:

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Autor: Vera Steisslinger und Jutta Böttcher © 2018