Ein hochsensibler Blickwinkel

05.11.2018

Folge 1: Das gekippte Fenster

Über Auszeiten von der inneren Einsamkeit.

In den ersten Wochen und Monaten seines Lebens saß mein Sohn meistens auf meinem Schoß, den Rücken auf meine angewinkelten Knie gelegt. Seine Augen wurden zu kleinen Schlitzen, wenn er lachte, und ich war total verliebt in mein kleines frisches Baby. Doch manchmal, völlig unvermittelt, wurde sein Blick auf einmal ernst, die Augen groß, und er drehte sein Gesicht ein Stück zur Seite. Mir war, als schaute er nach innen, als wäre hinter diesen Augen auf einmal eine Erinnerung aufgeblitzt, die ihn alles um sich herum vergessen ließ. Für ein paar Sekunden war er ganz still, als wäre er nicht hier, bei mir, bis plötzlich seine Mundwinkel zuckten. Im nächsten Augenblick begann er bitterlich zu weinen. In solchen Momenten war er untröstlich, und in meiner Hilflosigkeit zog ich ihn einfach nur an mich und hielt ihn fest, bis das Weinen schließlich verstummte und er eingeschlafen war.

Ich glaubte nie daran, dass mein Sohn in solchen Momenten von so etwas Weltlichem wie einer Kolik heimgesucht worden war. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass er buchstäblich sein Heim jenseits dieser Welt suchte – den Ort, von dem aus er zu mir gekommen war, und dass er ihn in diesen kurzen Momenten noch einmal sehen konnte. Wir waren zusammen gewesen, hatten gescherzt und uns einander erfreut, und doch schien er sich auf einmal an etwas anderes erinnert zu haben. An etwas, das noch vor kurzer Zeit so vertraut und auf einmal nicht mehr erreichbar war. Mich stimmte dieser Gedanke unendlich traurig, und umso erleichterter war ich, wenn er eine Weile später mit einem breiten Lächeln im Gesicht wieder aufwachte. Diese bittersüßen Momente schienen sich ein ums andere Mal im Schlaf zu verflüchtigen und irgendwann blieben sie schließlich ganz fort.

Es ist schwer zu sagen, was es ist – aber wir können beschreiben, wie es sich anfühlt

Eine solch lebendige Erinnerung an das große Ganze, wie ich es nenne, mag also in den ersten Lebensmonaten bereits wieder verblassen. Das diffuse Gefühl, dass wir zeitlebens von unserem Ursprung getrennt sind, wie auch immer dieser “in Wirklichkeit” aussehen mag, bleibt jedoch – wenn auch nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Es treibt uns um, und es lässt uns suchen. Dabei begeben wir uns auf die unterschiedlichsten Wege, um diesem Gefühl auf die Spur zu kommen, und wir versuchen immer wieder – wenn auch in der Regel unbewusst – es zu überwinden. Es ist schwer, dieses Gefühl zu benennen. Es scheint eine Art innere Einsamkeit zu sein. Aber auch wenn wir nicht sagen können, was es genau ist, können wir versuchen zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Und vielleicht lässt sich auf diesem Weg auch ein wenig von der Verbundenheit (wieder) herstellen, nach der sich die meisten Menschen so sehr sehnen. Ich fang‘ einfach mal an:

Als ich selbst noch ein Kind war, dachte ich häufig über die Unmöglichkeit der völligen Symbiose nach. Ich beobachtete zum Beispiel meine Mutter und kapitulierte schweren Herzens vor der Erkenntnis, dass ich niemals wissen würde, wie es sich anfühlte, meine Mutter zu sein. Oder irgendjemand anderes. Ich konnte mit anderen Menschen reden, sie anfassen und in den Arm nehmen, aber ich würde zeitlebens nicht erfahren, wie es im Innern eines anderen Menschen aussah. Wie es sich anfühlte, dieser Mensch zu sein. Ich würde immer nur ich sein. Das fühlte sich buchstäblich “verdammt” einsam an.
Diese und andere Begrenzungen des irdischen Lebens zu akzeptieren, stellte eine große Herausforderung für mich da. Ich fand die Vorstellung, eines Tages zu sterben genauso schlimm wie die Erkenntnis, im Leben nie wirklich mit jemand anderem vereint zu sein. Egal in welche Richtung – das Leben stellte sich als eine ganz schön tragische Angelegenheit heraus! Sozusagen ein Catch 22, wie es im englischen Sprachraum heißt – ein Dilemma, aus dem man aufgrund widersprüchlicher Regeln nicht entkommen kann. Und tatsächlich hat sich an diesem Eindruck bis heute nichts geändert: Immer dann, wenn ich mich traue, ganz genau hinzuschauen, fällt mir vor allem auf, dass das Leben aus einer endlosen Abfolge von Abschieden besteht, und darüber hinaus aus einer tragischen Aneinanderreihung von zum Scheitern verurteilten Versuchen, das “Getrennt-Sein” dauerhaft zu überwinden.
Allerdings glaube ich inzwischen auch, dass in ebendieser Traurigkeit, in dem Blick durch dieses gekippte Fenster, das sich niemals ganz schließen lässt, die grenzenlose Schönheit des Lebens verborgen liegt.

Allein unter Freunden, alle zusammen und doch jeder für sich

Das Bild des gekippten Fensters schenkte mir eine Freundin vor einigen Jahren, inmitten meiner “wilden Zwanziger”, eine Zeit, in der ich Nacht um Nacht auf die Jagd nach etwas ging, was ich damals noch nicht benennen konnte. Wie gesagt, es ist schwierig zu sagen, was es ist, nach dem du suchst – wenn du dich betrinkst, viel zu viele Zigaretten oder anderes Zeugs rauchst, und mit Männern (oder Frauen) nach Hause gehst, von denen du später nie wieder etwas hören wirst. Meine Freundin meinte damals, dass es wie ein geöffnetes Fenster sei, das man in der Nacht irgendwie versucht zu schließen. Nur um dann, wenn man verkatert und mit verschmierter Wimperntusche im Gesicht wieder aufwacht, festzustellen, dass es längst schon wieder auf Kipp steht.
Für mich symbolisiert das gekippte Fenster seither eine Nuance von Einsamkeit, die sich von dem landläufig mit Einsamkeit assoziierten Umstand unterscheidet, kein soziales Leben oder liebe Menschen um sich herum zu haben.
Ich erinnere mich aber auch gut daran, dass immer dann, wenn ich den Alkohol wegließ, alles, was sich im Rausch so lebendig und nah anfühlte, mir nüchtern bloß leblos und unecht vorkam. Und dann sitzt du da, allein unter Freunden, alle zusammen und doch jeder für sich, und keiner scheint diesen Umstand zu bemerken. Außer dir. Sich im eigenen Leben wie im Exil zu fühlen – ein Zustand, der mir immer noch befremdlich vorkommt und gleichzeitig total vertraut ist. Und doch habe ich im Laufe der Zeit gelernt, immer wieder Schlupflöcher in diesem zutiefst menschlichen Paradox zu entdecken.

Das sind meine Top 5 der “Inneren Einsamkeits-Facts”:

1. Einsamkeit hat ein eigenwilliges Timing.

Ein Merkmal des sich-einsam-fühlens ist naturgemäß, dass es sich häufig so anfühlt, als ginge es nur einem selbst so. In den Momenten, in denen ich mich besonders einsam fühle, scheint es auch mir oft so, als wären alle anderen mit allen möglichen Dingen und Aktivitäten beschäftigt – außer mit einsam-sein. Nur: Auch ich fühle mich nicht pausenlos einsam. Es kommt durchaus vor, dass ich mich mit weltlichen Dingen beschäftige und dabei im Glücksfall wirklich Spaß habe – oder mehr oder minder unbewusst meine innere Einsamkeit maskiere. Jedenfalls, die Chancen stehen gut, dass jemand anderes in meinem Umfeld währenddessen seine Maske für eine Weile ablegt – und denkt, dass es niemandem gerade so geht wie ihm. Tatsächlich ist eine Gruppe von Menschen, ob Freundeskreis oder Familie, selten “in tune”, also im Einklang, was ihre individuellen Befindlichkeiten angeht. Und bevor wir danach streben, diesen Umstand zu ändern, ist es wichtig, ihn erst einmal anerkennen. Macht gleich ein bisschen weniger einsam, finde ich.

2. Tiefe ist in Beziehungen entscheidend, nicht Zeit.

Wer hat es nicht irgendwann in seinem Leben schon einmal erlebt? Man lernt am Abend jemanden kennen (in vielen Fällen nicht ganz nüchtern) und verbringt die Nacht miteinander. Dabei muss es gar nicht zum Sex kommen, vielleicht redet man auch einfach bis zum Sonnenaufgang miteinander. In jedem Fall war die Verbundenheit gefühlt so groß, dass sie diese Nacht auf jeden Fall überdauern wird. Sie muss es sogar, dafür war das Zusammensein einfach zu intensiv, als das diese Begegnung im Sande verlaufen darf. Und dann, ein ums andere Mal, bleibt einer ratlos zurück, weil der oder die andere sich nicht mehr meldet. Habe ich am eigenen Leib erfahren, und ich erinnere mich auch, wie einsam man sich fühlt, wenn man gerade noch eine leise Ahnung hatte, dass so etwas wie Symbiose doch möglich ist, nur um dann wieder alleine zurückzubleiben. Am offenen Fenster stehend, sozusagen.

Wenn ich heute jemanden treffe, dem so etwas passiert ist, würde ich eines ganz sicher nicht tun: Noch einmal “drauf hauen” und so etwas sagen wie “Der/die hat es nicht ernst gemeint”, “Der/die wollte nur Sex” oder gar “Der/die hat bloß mit dir gespielt”. Vielmehr würde ich gratulieren, dass ein wahrhaftiger Moment von Intimität stattgefunden hat, ob auf der körperlichen Ebene oder im intimen Zwiegespräch. Ein Moment, in dem sich Verbundenheit gezeigt hat, so temporär sie auch gewesen sein mag – ich bin der festen Überzeugung, dass sie in den allermeisten Fällen wirklich wahr war, und dass es Menschen nur noch weiter in die Einsamkeit drängt, ihnen diesen Umstand auszureden. Der feine Unterschied liegt darin, zu verstehen, dass solche intimen Momente der Zweisamkeit wahr sein können, ohne an ein Überdauern des Moments gebunden zu sein.
Darin liegt für mich gleichsam das Geheimnis in der Überwindung der Einsamkeit: Tiefe ist in Beziehungen entscheidend, nicht Zeit. Und weil wir eben nicht immer “in tune” sind, kann es also sein, dass der eine am nächsten Tag wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist, während der andere einsam zurückbleibt. Der Moment bleibt trotzdem wahr. Die Kunst besteht darin, ihn nicht um jeden Preis zurück bzw. wiederholen zu wollen.

3. Einsamkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal.

Wer sagt “Ich war schon immer anders”, (im Übrigen ein beliebter Satz unter Hochsensiblen) meint damit häufig auch: “Ich fühle mich oft einsam”. Allerdings umweht das Wort “anders” der Hauch der Besonderheit, während es weniger glamourös klingt, sich als einsam zu outen. Trotzdem vermute ich, dass “sich anders fühlen” häufig den Eindruck impliziert, dass alle anderen gleich, also nicht anders sind – und sich folglich auch nicht einsam fühlen. Aber die menschliche Erfahrung ist per se eine einsame Erfahrung, die eine völlige und geistige Verschmelzung mit einem anderen Menschen leider nicht vorsieht. Von daher ist Einsamkeit eine universelle Erfahrung, die jeder Mensch an verschiedenen Punkten in seinem Leben immer mal wieder mehr oder weniger intensiv zu spüren bekommt. Vielleicht als Baby, wenn uns auf der Gefühlsebene bewusst wird, dass unsere Seele nun in einem von der Mutter getrennten Körper “steckt”, oder wenn wir sterben müssen, und uns niemand auf unseren letzten Weg zurück in die Verbundenheit begleiten kann. Und die unzähligen Male dazwischen, wenn wir glauben, niemanden zu haben, mit dem wir uns wahrhaftig austauschen können. Und eben auch immer dann, wenn wir uns so schrecklich anders fühlen.

4. Einsamkeit lässt sich teilen.

Deswegen bin ich ganz stark dafür, dass wir viel mehr über unsere innere Einsamkeit sprechen. Dass wir sie überhaupt “aus-sprechen” und einander darüber erzählen, wie es wirklich in uns aussieht. Ich glaube daran, dass das Teilen der Einsamkeit paradoxerweise eines der wirksamsten Mittel ist, uns miteinander zu verbinden. Erst wenn wir aufhören, uns zu maskieren, und ständig so tun, als wären wir “in tune” mit der Welt, können wir wirklich beginnen, uns mit anderen Menschen zu synchronisieren. Und in einen gemeinsamen Rhythmus kommen, zumindest für einen Augenblick. Das ist ein sehr intensives und erhabenes Gefühl. Es birgt nur ein ganz kleines Risiko: Dass wir uns danach gar nicht mehr so anders fühlen, wie die ganze Zeit gedacht.

5. Um Verbindung herzustellen, muss man sich zuerst mit sich selbst verbinden.

Vor etwa zehn Jahren, in einer dieser Nächte, in der ich mit Hilfe eines anderen (männlichen) Wesens versuchte, mein chronisch geöffnetes Fenster zu schließen, erlebte ich ungeahnt und ungeplant einen Moment bemerkenswerter “Sei du selbst-Authentizität”. Besagter Mann hatte mir gerade in einem romantischen Setting mitgeteilt, wie schön er mich fand, als es ziemlich unromantisch aus mir herausplatzte, dass es darauf nicht ankäme. Entscheidend wäre doch, ob er mir im Alter den Po abputzen würde. Ich hielt einen kurzen Augenblick die Luft an, doch interessanterweise schien mein Gegenüber zwar kurz überrascht, aber nicht verschreckt. Vielleicht sogar ein bisschen beeindruckt.
Das war zwar zugegeben eine etwas absurde Szene, aber sie hat mich auch ermutigt. Ungefiltert auszusprechen, was mir auf dem Herzen liegt, bedeutet in den allerseltensten Fällen, dass mich der Adressat für verrückt hält. Im Gegenteil, es besteht sogar die Möglichkeit, dass ich ein zustimmendes Nicken ernte, ein “Ich auch”, oder ein “Mir geht es auch oft so”. Es braucht nur einen Mutigen, der anfängt, das vermeintlich Unaussprechliche auszusprechen.
Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir uns mit uns selbst verbinden. Aber das ist immer so leicht und schlau daher gesagt. Die meisten Menschen haben schon viel zu früh in ihrem Leben gelernt, sich lieber nicht so zu zeigen, wie sie sind. Sie haben sich antrainiert, die Dinge, die ihnen im Kopf herum gehen, eben nicht auszusprechen – aus Angst heraus, Ablehnung zu erfahren oder gar mit Liebesentzug bestraft zu werden. Andrea Wandel beschreibt das Thema dieser sogenannten “toxischen Scham” sehr eindrücklich in ihrem Kapitel “Trauma und Hochsensibilität”, welches Teil des Fachbuchs Hochsensibilität ist. Sich zu verstellen, sich anzupassen an das, was vermeintlich nachgefragt wird, verstärkt jedoch die innere gefühlte Einsamkeit, egal wie viele Menschen uns umgeben. Der ewige Luftstrom durch das gekippte Fenster wird nur in den Momenten vergehen, in denen wir es wagen, uns wirklich zu zeigen. Mit all dem, was uns ausmacht. Denn egal ob hochsensibel oder nicht – es erfüllt wohl niemanden in der Tiefe, für etwas gemocht oder geliebt zu werden, was er nicht ist. Vielmehr lässt es ihn selbst in der Gruppe oder in der Paarbeziehung einsam zurück.
Es ist eine unsichtbare Einsamkeit, die uns mit großer Wahrscheinlichkeit ein Leben lang begleiten wird, ganz einfach, weil sie Teil der menschlichen Erfahrung ist. Wir müssen diese besondere Form der Einsamkeit aber nicht immer so schmerzlich spüren, wenn wir uns darauf einlassen, wieder zu spüren, was hinter diesem Gefühl der Einsamkeit noch alles verborgen liegt. Wir können versuchen, Worte dafür zu finden, und diese mit anderen teilen. Für mich passt das Bild des gekippten Fensters, für jemand anderen kann es ein stimmigeres Bild geben. In jedem Fall lohnt es sich, danach zu suchen. Denn auch wenn das imaginäre Fenster ein Leben lang immer ein bisschen undicht bleibt – wir können bunte Blumen aufs Fensterbrett stellen, anstatt die Vorhänge zuzuziehen.

Autor: Sabrina Görlitz © 2018



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