Ein hochsensibler Blickwinkel

06.12.2018

Folge 2: Real Talk oder Small Talk.

Von der Sehnsucht, erkannt zu werden (und von der Angst davor).

Ich weiß ihren Namen nicht mehr, deswegen nenne ich sie für diesen Text einfach nur Ann’s Mum. Ihrer Tochter – Ann – gehörte das Haus im Süden von Dublin, in dem ich während meiner irischen Jahre eine Weile wohnte. An Sonntagen holte Ann ihre demenzkranke Mutter für ein paar Stunden aus dem Pflegeheim, und wir tranken eine Tasse Tee zusammen. In der Regel fühle ich mich ja immer etwas verloren, wenn ich irgendjemandes Eltern vorgestellt werde. Weil ich nicht weiß, wem ich jetzt gefallen will, oder gefallen soll. Meinen Freunden, ihren Eltern, oder gar meinen eigenen, zwar nicht anwesenden und irgendwie doch omnipräsenten Eltern? Ann’s Mum jedoch, die früher eine sehr strenge und eher kühl auftretende Frau gewesen soll, konnte sich gerade noch so erinnern, dass sie Ann’s Mum war. Alles andere passierte jeden Moment aufs Neue, und das machte unsere Treffen überraschend unkompliziert und auf paradoxe Weise “irrsinnig” vertraulich.

Es lohnte sich nämlich nicht, der alten Dame zu erklären, dass ich Ann’s Untermieterin war und eigentlich aus Deutschland kam. Sie vergaß es kurz darauf sowieso wieder, und außerdem schien es für sie auch gar keinen Sinn zu ergeben. I knew your dad, erklärte sie bei unserem ersten Treffen stattdessen völlig selbstverständlich, und in einem leicht verschwörerischen Tonfall. Sie war sich ganz sicher, mein Vater hatte früher auch in ihrem kleinen Dorf in den Bergen gewohnt, und ihren Erzählungen nach war er immer full of mischief gewesen, also jemand mit einer Menge Unsinn im Kopf. Ich weiß noch, wie sie mir dabei zuzwinkerte, ein verstohlenes Lächeln um die Lippen, eins, das alles bedeuten konnte. Für mich war es wie eine stille Erlaubnis, mich in Irland zuhause fühlen zu dürfen. Tatsächlich haderte ich nämlich ganz schön damit, keine echte Irin zu sein. Klingt verrückt, war aber so. Für Ann’s Mum aber war es völlig indiskutabel, dass ich nicht aus Irland kam. Falls ihr mein Akzent aufgefallen sein sollte, nun, ihre Erinnerung nahm keinen Schaden daran.

Das Dilemma zwischen so schön wie möglich und so echt wie nötig.

Es war, als wäre mein Leben ein Foto gewesen, dem sie ungeniert einen neuen Filter verpasst hatte. Einer, der es in Farben tauchte, die gleichzeitig surreal und doch stimmig erschienen. Also eigentlich so, wie es so viele Menschen heutzutage mit den digitalen Aufnahmen ihres Lebens machen, die sie dann auf Facebook oder Instagram mit der Welt teilen: Sie verpassen ihnen so lange verschiedene Filter, bis sie das Gefühl haben, jetzt ist es richtig. Allerdings geht es dabei meistens darum, das vermeintlich beeindruckendste Abbild des Erlebten oder des eigenen Selbst zu präsentieren. Eine Gegenbewegung dazu findet sich unter Hashtags wie #nofilter oder #noretouch – wo die Absicht wiederum ist, besonders authentisch rüberzukommen, ungeschminkt und “real”.
Ich glaube, dass es hochsensible Menschen besonders stresst, sich ständig, online wie offline, in dem Dilemma zwischen “so schön (alternativ: nett, gefällig, liebenswert usw.) wie möglich” und so “gnadenlos echt wie nötig” zu befinden. Ja, so echt wie nötig, denn in der Tiefe gesehen und erkannt zu werden, und zwar so, wir uns selbst wahrnehmen, ist ein großes hochsensibles und somit ein zutiefst menschliches Bedürfnis. (Randnotiz: Ich bin der festen Überzeugung, das hochsensible Bedürfnisse die Bedürfnisse aller Menschen widerspiegeln, nur eben höher dosiert.).

Der hochsensible Anspruch an Authentizität ist extrem hoch.

Im Alltag scheint letzteres aber in der Regel zu kurz kommen. Wenn ich meinen Sohn in die Kita bringe und andere Eltern im Aufzug treffe, gibt’s eine Runde Small Talk oder eine Runde Schweigen. Wenn ich früher nicht ins Home Office, sondern in die Firma ging, in der ich als Personalmanagerin arbeite, dann begann ein achtstündiges Rollenspiel. Und selbst unter den engsten Freunden hatte (und habe ich manchmal immer noch) das unbefriedigende Gefühl, dass die eigentlich keine Ahnung haben, wer ich “wirklich” bin. Manchmal weiß ich es selbst nicht so genau. Jedenfalls, der hochsensible Anspruch an Authentizität ist extrem hoch. Die Enttäuschung auch, wenn das Gefühl eintritt, wieder einmal verkannt worden zu sein. Bei mir reicht oft schon eine vergleichsweise harmlose Anmerkung. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Kommilitonin, die mir zu Beginn des Studiums ihren ersten Eindruck schilderte: “Ich glaube, du gehörst zu den seriösesten unter uns, alle anderen sind so kaputt.”
“Von wegen”, rief ich im Stillen, “ich bin ein Riesen-Fake! In Wahrheit bin ich die Kaputteste von uns allen. Ich könnte dir erzählen, wie ich vor nicht allzu langer Zeit vor einem Halbkreis von Ärzten saß, und sagte, dass ich mir in einer Tour Gedanken über den Sinn des Lebens mache, wenn wir doch alle sterben müssen, und danach alle nur schweigend auf ihre Klappbretter schauten.” Aber die Wahrheit war auch, ich konnte es ihr eben nicht erzählen, weil ich mich im Zweifel lieber mit dem Label “seriös” zufrieden gab, als Menschen, die nicht in Krankenhäusern arbeiteten, meine Version von Wahrheit zuzumuten. Denn selbst an denen schien diese ein ums andere Mal einfach abzuprallen. Warum also sollte sich jemand für das Schwarze in mir interessieren, wenn selbst die in den weißen Kitteln es nur oberflächlich tun?

Mache ich mich nackt oder hülle mich in den Mantel der Oberflächlichkeit?

Als ich fast ein Jahrzehnt nach meiner Begegnung mit Ann’s Mum gefragt wurde, an dem Fach.Buch Hochsensibilität mitzuarbeiten und darüber hinaus meine persönlichen Erfahrungen aufzuschreiben, musste ich mich erneut mit dieser Fragestellung befassen. Ich wollte, dass mein Kapitel so schön wie möglich, aber so echt wie nötig ausfiel.
Ein Balanceakt. Auf keinen Fall wollte ich an der Oberfläche bleiben, aber als mir Mechthild-Rex-Najuch, eine der anderen Autorinnen, den Hinweis gab, ich sollte aufpassen, mich in meinem Anliegen nicht selbst zu sezieren, war ich einen Augenblick lang beleidigt. Wurde meine Offenheit nicht wertgeschätzt? Lief ich Gefahr, andere Menschen abzuschrecken, weil ich zu offen war? Geht das denn überhaupt? In der weiteren Auseinandersetzung mit meinem Text verstand ich aber, was Mechthild gemeint hatte. Wieder einmal ging es um eines meiner Lebensthemen, und um das vieler hochsensibler Menschen: Um die Sehnsucht nach Authentizität und der gleichzeitigen Angst davor. Um das Gefühl, sich fortwährend zwischen beidem entscheiden zu müssen. Realtalk oder Small Talk? Mache ich mich “nackt” und setze ich mich der Gefahr aus, dass andere mich (ziemlich) komisch finden, oder wähne ich mich lieber sicher, wenn auch nicht geborgen, im Mantel der Oberflächlichkeit?

Hochsensible Menschen sind Grenzgänger. So habe ich festgestellt, dass ich mich an den Grenzen von Realität und Fiktion nicht nur am wohlsten fühle, sondern sogar wahrhaftig. Ann’s Mum hatte meinen Vater “in echt” natürlich nie gekannt, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich (er)kannte – und auf eine ganz besondere Weise war sie mir näher gekommen als die meisten anderen Menschen in meinem Leben. Und so habe ich in meinem Beitrag für das Fachbuch Hochsensibilität zwar die Wahrheit aufgeschrieben, aber ich habe dafür die Form eines fiktiven Interviews gewählt. Das imaginäre Interview schützte mich (und den Leser!) davor, mich in Details zu verlieren, sicherte den kontinuierlichen Bezug zur Hochsensibilität und es ebnete auch für den vermeintlich normal-sensiblen Leser den Weg, entspannt zwischen seiner und meiner Welt hin und her zu pendeln. “Miteinander tanzen” habe ich es genannt. Die Metapher des Tanzes habe ich von Andrea Wandel geklaut, die auch beim Buchprojekt mitgemacht hat und im Aurum Cordis die Fortbildung in der Körperorientierten Trauma-Arbeit/Holistic Awareness anbietet. Auch Andrea forscht seit Jahrzenten an den Grenzen und berichtet im Fachbuch zum Beispiel über die Notwendigkeit, dass Therapeuten und Klienten über Diagnose und Behandlungskonzept hinaus echte und wahrhaftige Treffpunkte finden. Dabei geht es auch um ihre spannende Beobachtung, dass Professionalität und die eigene Persönlichkeit kein Widerspruch in der Begleitung sein müssen. Ich denke, das gleiche gilt auch für den Kontakt zwischen zwei oder mehreren Menschen in Alltagssituationen: Verletzlichkeit und Selbstschutz müssen sich nicht ausschließen. Hier sind vier Ideen, wie wir in alltäglichen Begegnungen häufiger solche Treffpunkte finden, ohne uns immer und überall “nackt” machen zu müssen:

1. Geheimnisse sind wichtig

Ich bin ziemlich gut im Small Talk, und die wenigsten Menschen kommen auf die Idee, dass ich ein verkappter Einsiedler sein könnte. Manchmal nervt mich genau dieser Umstand – dass ich so ein sicheres Auftreten habe, obwohl ich eigentlich eher ein Rückzugsmensch bin. Vielleicht ist in Wahrheit aber auch alles halb so schlimm. Muss denn wirklich jeder Kollege, Nachbar oder entfernt Bekannter wissen, wie ich wirklich drauf bin? Und möchte ich eigentlich immer wissen, was genau im anderen vorgeht? Wenn wir uns ständig und überall gegenseitig “erkennen” würden, wo bliebe das Geheimnis, dessen Offenbarung nur besonders intimen (Seelen)-Begegnungen vorbehalten ist?
“Bewahre und achte deine Geheimnisse und erschöpfe dich nicht daran, alles wissen zu müssen”, schreibt Andrea Wandel im Fachbuch über die Kriterien gesunder Intimität. Dazu fällt mir noch ein Ire ein, ein Dichter, der mir lange Zeit ein väterlicher Freund war. Er sagte einst über unsere erste Begegnung, dass er intuitiv wusste, that there would always be a thing or two, die er nicht über mich erfahren würde – und dass er sich dadurch mit mir verbunden fühlte. Manchmal kann uns also auch das stille Teilen des Unaussprechlichen näher zusammenbringen als die rückhaltlose Offenbarung. Alles eine Frage des Timings, und das beherrschen Hochsensible naturgemäß ziemlich gut. Und wenn wir als selbst erklärte Rückzugsmenschen gleichzeitig “Small-Talk-Zeremonien” leiten können, dann ist das vielleicht auch nur ein weiteres Wunder-volles hochsensibles Paradox.

2. Small Talk ist besser als sein Ruf

Small Talk wird gern mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt. In der Form mag das stimmen, da man sich in der Regel über vermeintlich oberflächliche Themen unterhält. Der größte, offensichtliche gemeinsame Nenner zwischen zwei fremden Menschen ist dabei meistens das Wetter. Das Wetter diskriminiert genauso wenig wie der Tod, eignet sich thematisch aber besser für eine erste Annäherung. Denn genau das ist Small Talk – ein gegenseitiges Beschnuppern, wie zwei Hunde, die sich auf einem Spaziergang treffen. Wir checken uns ab: Sind wir “verträglich”, oder stellen wir eine Bedrohung dar? Wenn ich zustimmend nicke, wenn sich jemand über das warme Wetter freut, sende ich eine andere Botschaft, als wenn ich Nase rümpfend schimpfe, dass solche Temperaturen nichts für mich sind. Es geht beim Small Talk also vielleicht nicht immer um eine wahrheitsgemäße Antwort, aber in Wahrheit auch um viel mehr als um das scheinbar belanglose Kommentieren der Wetterlage: Es geht um eine Möglichkeit mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, ohne pausenlos tiefgründig und bedeutungsvoll sein zu müssen. Das kann nämlich auch ganz schön anstrengend sein!

3. In Übereinstimmung mit sich selbst kommen

Manchmal jedoch kann die Sehnsucht, wahrhaftig gesehen zu werden, übermächtig werden. Häufig geht diese Sehnsucht mit dem Gefühl einher, vor allem beruflich nicht das zu tun, was uns selbst und unseren Werten in der Tiefe entspricht. Ein Teufelskreis, denn erst wenn es uns gelingt, in die Übereinstimmung mit uns selbst zu kommen, können wir auch ein “stimmiges” Bild von uns in die Außenwelt projizieren – und endlich das tun, was uns wirklich nährt, und darüber hinaus endlich so wahrgenommen werden, wie wir es uns schon so lange gewünscht haben. Die Ausbildung im Integralen Gesundheitscoaching im Aurum Cordis ist eine Möglichkeit, dieser universellen Sehnsucht und dem daran genknüpften individuellen Veränderungsimpuls, wie Jutta Böttcher und Christian Schneider ihn nennen, auf die Spur zu kommen und in eine Tätigkeit zu übersetzen, die Sinn macht. Denn wo Sinn entsteht, entsteht Authentizität. Und dann kommt noch ein bisschen Magie ins Spiel: Authentizität generiert Authentizität bei anderen. Wenn jemand authentisch ist, fühlst du die Dringlichkeit es auch zu sein. Und zwar auf eine Weise, die alle Anteile deines Selbst einlädt. In den ganzen Ratgebern, die derzeit auf der kommerziellen Authentizitätswelle surfen, wird der Begriff häufig mit Selbstoptimierung gleichgesetzt. Es scheint vor allem darum zu gehen, die bestmöglichste “Version” von sich zu präsentieren. Ich fürchte, dass dabei ein paar Anteile, die es genauso verdienen, gesehen und integriert zu werden, auf der Strecke bleiben. Authentizität bedeutet für mich in erster Linie, sich selbst das Mensch-Sein erlauben – mit allem was dazu und zu einem gehört.

4. Die Gleichzeitigkeit einladen

Ich glaube, der Hauptgrund, warum ich mich in Irland so wohlgefühlt habe, war die gleichzeitige Präsenz von Melancholie und Lebensfreude. Beides darf einfach sein, schließt sich nicht aus oder muss sich gar gegenseitig bekämpfen. In Irland habe ich die herzlichsten Gespräche über das Wetter geführt, und bin auch aus kurzen Small-Talk-Begegnungen in der Tiefe berührt herausgegangen. Aber jetzt wohne ich hier, und ich habe lange geglaubt, in Deutschland muss ich entweder traurig oder gut drauf sein. In der Auseinandersetzung mit meiner Hochsensibilität hat sich meine Einstellung geändert. Seelenschmerz ist nicht zwangsläufig eine Störung oder gar eine Krankheit, die hinter verschlossene (Arzt-)Türen gehört. Seelenschmerz gehört zum Leben dazu und deswegen auch ins Leben hinein. Wir können trainieren, ihn “auf die Straße zu bringen”, im Seminar mit Gleichgesinnten und immer mal wieder auch mit Freunden, und irgendwann vielleicht tatsächlich mit dem Fremden auf der Straße. Das Risiko, dass der uns ähnlicher ist, als es zunächst den Anschein hat, besteht nämlich.
In jedem Fall ist Authentizität ein Phänomen des Augenblicks: Wir können immer wieder neu entscheiden, worüber wir gerade reden (oder schweigen wollen). Über das Wetter oder den (Un-)Sinn des Lebens. Wenn wir diese Wahlfreiheit wieder einladen, können wir uns selbst und anderen ein großes Stück näher kommen, ohne ständig alles voneinander wissen zu müssen.

Autor: Sabrina Görlitz © 2018



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